Freitag, 28. November 2008

Die Selbstverteidigung der Muecken

Mücken tanzen als Selbstverteidigung
„Es ist schwieriger, die Bewegungen einer Hausfliege für die nächsten zehn Sekunden vorherzusagen als die Laufbahn des Saturns für die nächsten zehn Milliarden Jahre“, Geoffrey F. Miller, Evolutionsbiologe.
Wer im Sommer einen Mückenschwarm betrachtet, der kann sehen, wie die Mücken tanzen. Dieser Tanz hat keinen Rhythmus und keine Choreografie. Es gibt nur eine Regel für diesen Tanz: den Zufall. Es sind ständige Tanz-Bewegungen, die ein Freßfeind nicht vorhersehen kann.
Der Tanz ist eine Strategie der Selbstverteidigung, wie sie von vielen Tieren angewendet wird und von großen Strategen in Militär und Diplomatie. Es handelt sich um die Unvorhersehbarkeit oder auch Unergründlichkeit. Biologen sprechen von Proteus. Eine Schabe ist kaum zu fangen, weil sie sich erst im letzten Moment mit einer Art biologischem Zufallsgenerator für einen Fluchtweg entscheidet. Allerdings entscheidet sich die Schabe für einen der optimalen Fluchtwege, damit die Flucht nicht versehentlich in Richtung des Angriffes geht. Die Schabe flüchtet kopflos, zufällig und doch nicht planlos.
Unergründlichkeit liegt in den Genen
Die Unergründlichkeit ist ein Überlebensvorteil in der Evolution. Die Flucht vor einem Feind auf einer nicht vorhersehbaren Route ist eine Überlebenstechnik vieler Tiere. Zu Land, zu Wasser und in der Luft bewegen sich die Lebewesen auf unvorhersehbaren Wegen. Auch wenn ihnen kein Feind auf den Fersen ist, einfach nur zum Üben oder für einen Feind, den man noch nicht bemerkt hat. Sie schlagen Haken oder torkeln.
Auch im Kampf mit Rivalen ist die Täuschung von Nutzen. Jedes Lebewesen, dessen Existenz an andere gebunden ist, arbeitet mit der Unvorhersehbarkeit. Der Hase schlägt Haken in einen Zickzackkurs, der für den Verfolger nicht vorhersehbar ist. Vogelschwärme schwenken plötzlich in eine andere Richtung. Insekten schwirren ständig hin und her. Kein Lebewesen auf dieser Welt kann Auseinandersetzungen entgehen, die Unergründlichkeit ist eine Form der Verteidigung, die jedem zur Verfügung steht. Auch erhöht die Unvorhersehbarkeit die Anzahl der Optionen.
Selbst Angreifer nutzen die Technik der Unergründlichkeit. Sie verstecken ihren Angriff in spielerischen Tänzen. Desinteresse soll einen überraschenden Angriff vorbereiten.
Unergründlichkeit in der Kampfkunst
Im Zweiten Weltkrieg flüchteten britische U-Boote mit einem Zickzackkurs, der mit Würfel bestimmt wurde.
Im Krieg ist die Guerilla Taktik eine wirksame Waffe, die hauptsächlich auf der Unvorhersehbarkeit beruht. Nie weiß der Gegner, wann und wo zugeschlagen wird. Eine unergründliche Kriegskunst bereitet im Verborgenen vor und führt unerwartete Bewegungen aus. Das Formlose ist nicht zu fassen. Der größte Teil einer Kampfkunst spielt sich im Kopf ab. Wer seinen Gegner nicht einschätzen kann, der scheut eine Konfrontation. Wer seinen Gegner als schwach einschätzt, kann schnell in eine Falle laufen. Zwei Gegner versuchen immer, das Verhalten des anderen vorherzusagen und ihn gleichzeitig zu manipulieren. Diktatoren herrschen mit einem launischen Wechsel zwischen Güte und Grausamkeit; ein kleiner Irrtum kann zu brutalen Reaktionen führen und ein wirklich schwerer Fehler wird vergeben. Die Pöbeleien eine Schlägers haben zunächst nicht das Ziel, eine Schlägerei zu beginnen. Zunächst will der Schläger sein Gegenüber einschätzen können, dazu braucht er dessen Reaktionen. Ein unergründlicher Gegner wird weniger angegriffen und bekommt mehr Verhandlungsangebote.
Unergründlichkeit trainieren
Voraussetzung für die Unergründlichkeit ist eine Selbstbeherrschung der besonderen Art. Einen unergründlichen Menschen kann man auch launisch nennen, spielerisch oder chaotisch. Für jeden Charakter gibt es Formen der Unergründlichkeit. Angst ist ein schlechter Ratgeber aber ein guter Schutzschild.
Proteus in Legende und Wissenschaft
Der wissenschaftliche Name der Unvorhersehbarkeit ist abgeleitet von Proteus. In der griechischen Mythologie war Proteus ein Meeresgott: der Alte vom Meer. Er konnte in die Zukunft sehen, gab sein Wissen aber nicht weiter. Wenn ihn jemand um eine Vorhersage bat, dann verwandelte er sich in ein Tier (Schlange, Löwe, Eber) oder einen Gegenstand (Baum, Wolke, Wasser, Feuer) um so dem Frager zu entwischen. Wer von Proteus einen Rat haben wollte, der musste den Meeresgott mit einer List überraschen.
Eine proteische Persönlichkeit ist ein Mensch, dessen Charaktereigenschaften ständig wechseln und dessen eigentlicher Charakter deshalb nicht deutlich zu Tage tritt. Die meisten Menschen haben eine solche Persönlichkeit. Der Mensch hat eine solche Persönlichkeit erworben, denn er hat es gelernt, extrem anpassungsfähig und flexibel zu sein. Je nach Lebenssituation muss eine andere Rolle eingenommen werden.
Darum kann der Mensch auch geistige Haken schlagen. Besonders Künstler sind in der Lage, durch Assoziationen ihren inneren Zufalls-Sinn für ihre Kreativität zu nutzen.
Die menschliche Unvorhersehbarkeit ist auch ein Grund dafür, dass Fachleute meist erst im Nachhinein das Verhalten eines Menschen erklären können. Das Verhalten von vielen Menschen ist mit Hilfe der Statistik schon eher zu erfassen.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Ein sehr schöner Artikel

...erinnert mich an Drunken Master Kung Fu. Dem Gegner wird Volltrunkenheit vorgetäuscht. Die Bewegungen sind nicht vorhersehbar, es scheint keine Kontrolle über den Körper zu geben.

Danke für den Arktikel

Gruß und Namaste
Danglang



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