Sonntag, 6. September 2009

Religioese Kritik an Yoga, Qigong oder Tai Chi – eine Uebersicht

Ich habe mir schon eine ganze Zeit vorgenommen, mal über die Kritik von Geistlichen und von selbsternannten religiösen Experten an Yoga, Qigong oder Tai Chi zu schreiben. Das ist gar nicht so einfach, weil diese Kritik oft sehr wolkig vorgetragen wird. Dann werden auch noch alle Praktiken der Esoterik und der alternativen Medizin zusammengeworfen und immer die aus dem Hut gezaubert, die gerade für eine Kritik paßt.
Zur bessern Übersicht habe die Kritikpunkte gesammelt und geordnet, wie sie sich mir darstellen.


* Kritik-Punkt: Es wird ein (falscher) Gott angebetet
Diese Behauptung kommt vor allem von isamlischen Geistlichen und richtet sich gegen Yoga, das auch in islamischen Ländern immer populärer wird. Grundlage für die Ablehnung ist Herkunft des Yoga aus der Hindu-Religion. Die Yoga-Stellungen wären eigentlich Gebetsstellungen und seien deshalb abzulehnen. Auch werden Riten kritisiert, wie das Mantra-Singen, als religiöse Handlungen. In Malaysia hat der Nationale Fatwa-Rat den Muslimen verboten, Yoga zu üben; dieses Verbot ist allerdings nicht verbindlich, weil die Sultane dafür nicht konsultiert wurden. In Indonesien haben islamische Gelehrte mit einer Fatwa einzelne Yoga-Übungen verboten, aber nicht grundsätzlich das Yogaüben. Yoga könne als Sport geübt werden ohne Rezitationen als stummes Yoga. Auch in Ägypten wurden Verbote gegen Yoga ausgesprochen.
Als Reaktion auf diese Verbote registrieren die Yoga-Studios einen großen Zulauf. Die Menschen sind durch das Verbot einfach neugierig auf diese Übungen geworden. Yoga-Übende sind empört, sie würden ja wohl wissen, wann sie beten und wann nicht. Im Gegenteil, sie würden die positiven Auswirkungen von Yoga noch bessere Moslems werden. Man wolle sich von ein paar Gelehrten nicht das Leben diktieren lassen.
Fundamentalistische Christen aus den USA haben einen anderen Weg gefunden. Sie funktionieren Yoga Übungen einfach um. So wird beispielsweise aus der Yoga-Übung Sonnengruß der Jesusgruß.


* Kritik-Punkt: Gott wird durch die Natur / das Qi ersetzt
Eine häufige Kritik bezieht sich darauf, dass mit Techniken aus Yoga, Qigong oder Tai Chi das Qi aus der Natur aufgenommen werden soll. Dies wäre dann nicht von Gott.
Mal abgesehen davon, dass für einen gläubigen Menschen die Natur auch von Gott ist, der die Natur ja geschaffen hat, beruht diese Kritik auf einem Halbwissen. Nach der asiatischen Vorstellung von der Lebensenergie (Qi) nimmt der Mensch ständig Qi auf, ob er will oder nicht. Von den Eltern hat das Neugeborene bereits Qi in sich. Mit jedem Mal Essen oder Trinken wird Qi aus der Nahrung aufgenommen. Auch aus der unmittelbaren Umgebung steht der Körper im ständigen Qi-Austausch. Das Qi fließt ständig durch den Körper. Nur Tote haben kein Qi. Die Besonderheit von Techniken wie Yoga, Qigong oder Tai Chi liegt nicht in einer Aufnahme des Qi überhaupt, sondern in einer Optimierung und Pflege des Qi im und für den Körper. Es wird kein Qi-Fluss geschaffen, der immer vorhandene Qi-Fluss im Körper wird verbessert.


* Kritik-Punkt: Böse Geister werden (möglicherweise) angelockt
Übungen wie Qigong, Yoga oder Tai Chi sollen ein Übertragungsweg für böse Geister sein. Es wird aber nicht genau erklärt warum. Oft wird es mit der Aufnahmen von Qi aus der Umgebung in Verbindung gebracht. Andererseits wird aber erklärt, selbst wenn man beispielsweise Tai Chi nur mechanisch als Gymnastik üben würde, würden die bösen Geister bereits angelockt.


* Kritik-Punkt: Es funktioniert gar nicht, weil es Scharlatanerie ist
Das ist eigentlich eine Kritik von Wissenschaftlern, dass es für viele alternative Heilmethoden keine wissenschaftlichen Beweise gibt. Diese Kritik ist einserits richtig, weil es für viele alternativen Heilmethoden genügend wissenschaftliche Untersuchungen gar nicht gibt. Wer hätte auch das Geld, solche Studien in Auftrag zu geben? Daran ist in der Folge ja nichts zu verdienen. Andererseits ist die Palette der alternativen Heilmethoden so groß und die Ausbildung der Heiler oft so schlecht, dass sicher auch viele bei einer wissenschaftlichen Untersuchung durchfallen würden.
Diese wissenschaftliche Kritik von religiöser Seite vorgetragen ist deshalb interessant, weil sie den anderen hier genannten Kritikpunkten widerspricht. Wenn es nicht funktioniert, warum dann die ganze Aufregung?


* Kritik-Punkt: Es funktioniert gar nicht, weil man so gar nicht wirklich heilen kann
Menschen können sich nicht selbst heilen, das ist das Fundament dieser Kritik. Jede Heilung wird als Trug abgelehnt, die nicht von Gott / Jesus kommt. Der alte Mediziner-Spruch „Wer heilt hat Recht“ gilt hier nicht. Es wird nur eine ganz bestimmte Heilung akzeptiert. Wer dies dann letztlich entscheiden soll bleibt unklar.
Über diesen Punkt könnte man viele Seiten schreiben, aber letztlich geht es um diesen Widerspruch.


* Kritik-Punkt: Die Einheit von Körper und Geist
Abgelehnt wird die Vorstellung einer Einheit von Körper und Geist, die mit Yoga, Qigong oder Tai Chi erreicht werden soll. Die Einheit von Körper und Geist könne nicht durch menschliche Praktiken erreicht werden. Dies würde nur führen zu einem Einswerden mit bösen Geistern. Dabei wird die Einheit von Körper und Geist gleichgesetzt mit einer Selbst-Erlösung und die Erlösung könne nur durch die Gnade Gottes kommen.
Ich denke, dass diese Kritik aus einem bewußten Mißverständnis besteht. Zur Tradition des Christentums gehören Kasteiung und eine Verachtung des Körpers. Der Gläubige ist aufgerufen, sein Kreuz auf sich zu nehmen. Der Körper wird mit Mißtrauen betrachtet, als anfällig für die Sünde. In der asiatischen Vorstellung bilden Körper und Geist immer eine Einheit. Dazu gibt es Gesundheitsübungen, die diese Einheit erhalten und fördern sollen, für die Steigerung von Gesundheit und Wohlbefinden. Das widerspricht eigentlich auch nicht dem Christentum, nur gibt es keine vergleichbaren körperlichen Übungen in der christlichen Tradition. Darum diese radikale Ablehnung, die im Grunde nur zeigt, wie sehr die Gesundheitsübungen aus Asien die Sicht der Menschen im Westen bereits verändert hat.


* Kritik-Punkt: Entspannen kann man auch durch Beten
Dies scheint mir der häufigste Kritikpunkt zu sein. Wer ein spirituelles Bedürfnis hat oder auch nur entspannen will, der würde dafür alles in seiner Religion finden.
Das richtet sich in der Konsequenz gegen alle Entspannungsübungen die es auf der Welt gibt und das Beten wird zu einer Wellness-Anwendung. Selbst das entspannende Hören von Musik kann man so ablehnen (und die Taliban tun dies auch).


Links zur Kritik an Yoga, Qigong und Tai Chi

* Soll ein Christ Qigong oder Tai Chi praktizieren? Und wie praktiziert ein Christ Qigong oder Tai Chi richtig.: Tai Chi und Qi Gong – Gefahr? Chance? Eine Beurteilung aus christlicher Sicht.

* Text gegen Tai Chi. Wie Tai Chi zu den Mächten der Finsterniss führt. (Es soll auch ein christliches Tai Chi geben, entwickelt vom chinesischen katholischen Priester Peter Yang. Was der Unterschied zum „normalen“ Tai Chi sein soll, konnte ich leider nicht herausfinden.): Ist Tai Chi mit dem christlichen Glauben vereinbar?

* Ein Text von einem Reinhard, wie er Tai Chi aufgegeben und Gott gefunden hat: http://www.lichtarbeit-verführung.de/bericht33.html

* Englischsprachige Seite, auf der vor Qigong gewarnt wird: http://www.chinaforjesus.com/resources/qigong/index.htm

* Mit Teufelsaustreibung gegen Esoterik: Der Exorzist Jeremy Davies, Mitbegründer der „Internationalen Exorzistenvereinigung“, ist mit seinen Exorzisten- Kollegen der Ansicht, dass immer mehr Menschen von Dämonen besessen sind durch häufigen Partnerwechsel, Abtreibung, Homosexualität, Drogen und Esoterik, wozu er beispielsweise auch Akupunktur oder das Üben von Yoga zählt: (Die hier einmal verlinkte Seite existiert nicht mehr.). Seine Theorie ist, dass das dünne Ende des Keils (weiche Drogen, Yoga zur Entspannung, Horoskope nur zum Spaß) viel gefährlicher ist als das dicke Ende, weil sich die bösen Geister so unbemerkt anschleichen können.

* Es soll auch das Buch geben „Der Durchbruch durch die Barrieren der Finsternis – Eine Kultform namens Qigong und was es wirklich ist“. Autor soll sein Xiao Guang. Ich konnte das Buch aber nicht finden. Es ist wohl nicht in deutscher Sprache erschienen.

Esoterik in der Kritik – Buch: Im Buch „Yoga, Astro, Globuli: Christlicher Glaube und Alltags-Esoterik“ wendet sich der Autor Pater Clemens Pilar gegen den Trend zur Esoterik. Dabei geht es um Dinge wie Feng Shui, Wünschelruten, Horoskope, Bachblüten, belebtes Wasser, Yoga, Reiki oder Tai Chi. Pater Clemens Pilar hat seine grundlegenden Thesen auch ins Internet gestellt, in Form von Faltblättern: (Die hier einmal verlinkte Seite existiert nicht mehr.) Esoterik und Christentum prallen hier aufeinander.: Yoga, Astro, Globuli. Christlicher Glaube und Alltags-Esoterik. Buch – ansehen bei Amazon

Kampfsport ja, Kampfkunst nein – Buch: Im Artikel Christen und der Kampfsport auf jesus.ch wird besprochen das Buch „Gefahren und Chancen: Christen im Kampfsport“ von Wolfgang Lindemeyer und Stephan Haas. Kurz gesagt werden darin alle Kampfsportarten abgelehnt, deren Übungen über das rein körperliche hinausgehen, wie Meditation, Einswerden mit dem Kosmos, Zen-Buddhismus oder Daoismus.: Gefahren und Chancen: Christen im Kampfsport. Buch. – ansehen bei Amazon




Das könnte Sie auch noch interessieren:


* Die Welt des Chi Gong im Überblick Eine Übersicht der am häufigsten geübten Chi Gong Arten. Was sie bedeuten. Wo man mehr Informationen dazu findet.

* Acht Brokateübungen – Die häufigste Qigong Übung

Kommentare:

Helmut hat gesagt…

Durchwegs ein sehr interessanter Artikel. Den muss ich mir unbedingt merken. Dazu schreibe ich mir ein paar Zeilen in meinem Notizblog auf und setze einen Link zu diesem Artikel. Bin schon gespannt, wann "Turnenvereine" und Vereine anderer Sportarten, bei den die Sportler ungewöhnliche Haltungen einnehmen als "religiöse Sekte" bezeichnet werden.

Rouven Haacke hat gesagt…

Ach du meine Güte! Bitte aufhören, ich habe schon ein HWS-Syndrom vom Kopfschütteln. Was ist denn das bitte, hat hier vielleicht ein ultrakonservativer Christ zuviel Freizeit gehabt?

Ich gestehe auch aus eigenen Beobachtungen gerne ein, dass für viele Deutsche sicher die Gefahr schnell da ist, sich im heutigen "esoterischen Supermarkt" zu verirren auf der Suche nach Glück und Heil(ung). ABER: Bei aller Liebe und dem Recht auf Meinungsfreiheit - ich habe auf der anderen Seite doch ernsthaft den Eindruck, dass manche Kirchenanhänger über Gebühr schwarz malen und am besten gleich den örtlichen Exorzisten herbei zerren mögen. Sei es nun aus Angst, Unwissenheit bzw. einseitigem Blick auf die Dinge oder der Einsicht, dass der Kirche die Leute davon laufen.

Zumindest möchte ich zwei Dinge hervorbeben:
Erstens: Ich meine Jesus war es, der sinngemäß sagte: "Dir geschehe nach deinem Glauben." Daraus ziehe sich jeder, was er mag.
Zweitens: Wenn man eines wenigstens aus Übungstraditionen wie Qigong oder Tai Chi lernen kann, dann, dass eine Überbetonung, irgendein Extrem unheilvoll ist.
Es mögen doch also bitte alle einen kühlen Kopf bewahren und schön warme Füße, dankesehr!

Rouven H. hat gesagt…

Nachtrag: Ich bitte um Verzeihung, hier habe ich zugegebenermaßen den Artikel nur überflogen und wohl vollständig missverstanden. Mich hat nur das zuvor erwähnte einfach auf gut deutsch angekotzt und eben schwer verwundert, was so manche Christen und "Würdenträger" von sich geben.

Also in dem Sinne - vielleicht am besten mein voriges Geschreibsel gar nicht veröffentlichen, sorry!

Yin-und-Yang hat gesagt…

Ich habe doch lieber beide Kommentare veröffentlicht. Sonst macht der zweite Kommentar keinen richtigen Sinn. Außerdem bezieht sich der erste Kommentar ja hauptsächlich auf das Thema selbst, außer eben dem ersten Absatz. Macht ja nichts.

Anonym hat gesagt…

Wer etwas in das Thema von Pater Peter Yang" Christliches Qi Gong"
eintreten möchte ,der lese doch das jetzt ins deutsche übersetzte Buch von Ihm..Qi Gong, Tai chi ..was hat das mit dunklen Mächten zu tun? Wenige wissen oder möchten sich mit dieser alten Kultur die aus China kommt und immer noch praktiziert wird befassen. Ich empfehle euch das Buch von Pater Peter Yang, er ist ein katholischer Priester und lebt seit den 50 er Jahren in Barcelona und hielt über 40 Jahre Gottesdienst in der dortigen Kathedrale.

Anonym hat gesagt…

Hallo an Alle die sich für die Frage interessieren, ob man Qi Gong oder Tai Chi mit dem Christentum in Verbindung setzten kann. Es gibt Pater Peter Yang , der lebt in Barcelona und jeder der sich ein wenig in das Thema einlesen möchte, empfehle ich sein Buch "Christliches Qi Gong". Ich selber nehme seit vielen Jahren an Kursen mit ihm und seinen Schülern teil, alle in Klöstern in Spanien und möchte diese Erfahrungen nicht mehr missen.Ich selbst praktiziere Tai Chi Zen und Qi Gong und Jesus ist mein Vorbild--wie ihr das auch nennen wollt.
Befasst euch einfach mit diesem Weg ein wenig und kommt mit eurem Geist zur Ruhe--
wer mir schreiben möchte, meine E-Mail manuela.pracht@web.de

Anonym hat gesagt…

Ich finde den Artikel sehr gut! Ich mache Yoga auch um meine Spiritualität zu entwickeln! Und Glaube ist etwas persönliches! Ich bin kein Schaf und brauche kein Schäfer! Außerdem Jesus lädt ein freiwillig zu Gott zu kommen! Christen und Muslime die ein Fundamentalismus predigen sind keine Gott suchenden!

Anonym hat gesagt…

"Wenn es nicht funktioniert, warum dann die ganze Aufregung?"
Diesen Satz habe ich schon zu oft gehört. Insbesondere im Zusammenhang mit Homöopathie (daher nicht mehr ganz im Thema).
Ich rege mich deshalb drüber auf, weil ich über Krankenkassengebühren die Naivität anderer Leute bezahlen muss, weil die Krankenkasse das denen auch noch erstattet.
Wenn die alles aus eigener Tasche bezahlen müssten könnten sie natürlich machen was sie wollen, so ist es aber leider eben nicht.



Muskeln brauchen Training; aber welches? – Bücherliste: Auch beim Muskeltraining ist es nicht gut, einfach so drauflos zu trainieren. Die Übungen sollten gut aufeinander abgestimmt sein. Oft ist weniger auch mehr.: 7 Methoden, meine Muskeln zu trainieren - Bücherliste


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